meat-n-more.info - Gesundheit
 
zur Übersicht
Kinder
Häufiges Computerspielen und Fernsehen schaden dem Gleichgewicht
Neue Zwischenergebnisse der Aktion Kid-Check vorgestellt
Saarbrücken [Saar-Uni] 14-03-2008
Kinder, die viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer
verbringen, haben besonders ausgeprägte Haltungsschwächen. Grund ist eine
gestörte Wahrnehmung der Kinder für ihren eigenen Körper. Das haben jetzt
Orthopäden, Neurologen, Humanbiologen, Sportwissenschaftler und
Physiotherapeuten im Rahmen einer Teilstudie der Aktion Kid-Check der
Universität des Saarlandes mit einer eigens entwickelten Messmethode erstmals
nachgewiesen. Bei der Aktion Kid-Check untersuchen Ärzte und Wissenschaftler
seit 1999 Kinder und Jugendliche auf Haltungsschwächen und -schäden wie
Rundrücken, Hohlkreuz, hängende Schultern und O-Beine. Ziel ist es, schlechte
Körperhaltung zu erkennen, die Ursachen zu erforschen und die Haltung durch
Training zu verbessern.
Das Zwischenergebnis der Studie ist alarmierend: Vier von
zehn Kindern sind demnach nicht in der Lage, im Stehen eine stabile
Körperhaltung einzunehmen und zu bewahren. Insgesamt untersuchten die
Wissenschaftler 1600 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 17 Jahren.
Rund 40 Prozent der jungen Teilnehmer gelang es nicht, ihren Körper im Stehen
aufrecht zu halten. Die Kinder fielen ins Hohlkreuz, der Kopf kippte nach vorn,
die Schultern sackten nach unten, der Körper neigte sich deutlich nach vorn
oder nach hinten. Besonders ausgeprägt sind solche Haltungsschwächen bei
Kindern, die viel Zeit vor dem Fernseher oder Computer verbringen. Bei einem
speziellen Test mussten die Kinder erst mit geöffneten, dann mit
geschlossenenAugen eine Minute still
stehen. Dabei wurde die Körperschwankung gemessen. Diese war bei geschlossenen
Augen häufig deutlich höher, insbesondere bei Kindern, die viel Zeit vor dem
Bildschirm verbringen.
Für die Steuerung unserer Körperhaltung und -bewegung sind
mehrere Sinnessysteme zuständig. Neben den Augen (visuelles System) sind dies
Sinneszellen in den Fußsohlen, in Haut, Muskeln, Sehnen und Gelenken und
schließlich das Gleichgewichtsorgan im Ohr. Häufiges Fernsehen und
Computerspielen führen offenbar dazu, dass das visuelle System besonders
beansprucht und trainiert wird und dadurch bei der Steuerung der Haltung und
Bewegung des Körpers eine dominierende Rolle übernimmt. Die anderen
Sinneswahrnehmungen zur Körpersteuerung werden bei langem Sitzen vor dem
Bildschirm hingegen nicht ausreichend genutzt und geschult. Den betroffenen
Kindern fällt es daher mit geschlossenen Augen im Stehen schwer, das
Gleichgewicht zu halten und richtig still zu stehen.
Eine schlechte Körperhaltung bei Kindern und Jugendlichen
ist also nicht allein auf schwache oder schlecht gedehnte Muskeln
zurückzuführen. Denn das Kid-Check-Team hat jetzt erstmals zweifelsfrei
nachgewiesen, dass in vielen Fällen aufgrund schlecht trainierter Sinneswahrnehmungen
das Gefühl der Mädchen und Jungen für den eigenen Körper gestört ist. Man
spricht auch von gestörter Körpereigenwahrnehmung (Propriozeption). Um eine
gute Körperhaltung einnehmen zu können, muss unser Nervensystem die Muskulatur
zielgerichtet, genau dosiert und in einer festen zeitlichen Reihenfolge
aktivieren. Dafür benötigt das Gehirn als Steuerzentrale jederzeit von den
verschiedenen Sinnessystemen genaue Informationen über die Stellung der Gelenke
und die Spannung der Sehnen und Muskeln.
Fällt bei geschlossenen Augen das visuelle System weg,
können die schlecht trainierten anderen Sinneswahrnehmungen keine ausreichenden
Informationen liefern. Daher gelingt es den betroffenen Kindern nicht, ihre
Haltung optimal zu steuern.
Der ärztliche Leiter der Aktion, Prof. Dr. med. Eduard
Schmitt von der Orthopädischen Klinik der Universitätsklinik Homburg, verweist
auf die Bedeutung dieser Ergebnisse für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen:
"Erst wenn wir genau verstehen, wie Haltungsschäden entstehen, können wir
gezielt dagegen vorgehen. Im Rahmen der Aktion wurden bereits mehrere hundert
Kinder untersucht." Zum wiederholten Mal erarbeiteten die Saarbrücker
Experten für eine Gruppe von Jugendlichen, die beim Kid-Check durch ihre schlechte
Haltung aufgefallen waren, ein maßgeschneidertes Trainingsprogramm. 15
Jugendliche im Alter von 14 bis 16 Jahren absolvierten ein halbes Jahr lang
Übungen für Gleichgewicht und Koordination. Außerdem wurden Kraft und
Beweglichkeit trainiert. Im Vergleich zu einer inaktiven Kontrollgruppe zeigten
alle Jugendlichen der Trainingsgruppe nach Abschluss der Studie eine deutlich
verbesserte Körperhaltung.
Die Bedeutung des Projektes unterstrich auch
Universitätspräsident Prof. Dr. Volker Linneweber: "Hinter der Aktion
Kid-Check steckt die Idee, schon im Kindesalter Haltungsschwächen und -schäden
vorzubeugen.
Die Universität des Saarlandes hat die Aktion zusammen mit
der Saarbrücker Zeitung ins Leben gerufen, weil sie auch einen Beitrag zur
Gesundheit der Studenten und Erwachsenen von morgen leisten möchte.
Die Wissenschaftler der Klinik für Orthopädie, des
Sportwissenschaftlichen Instituts, des Instituts für Sport- und
Präventivmedizin sowie der Klinik für Neurologie stellen ihre Forschungen in
den Dienst einer wichtigen Sache."
 
zur Übersicht
|