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Studien
Akupunktur ist hier mehr als ein Placebo
Stressabbau und Schmerzreduktion bei Patienten mit Reizdarmsyndrom / Heidelberger Wissenschaftler mit dem "Deutschen Akupunkturpreis 2007" ausgezeichnet
Heidelberg [UK] 20-08-2007
Patienten mit Darmbeschwerden können von Akupunktur
profitieren: Beim sogenannten Reizdarmsyndrom beeinflusst die Behandlung mit
Akupunkturnadeln das für lebenswichtige Körperfunktionen wie Blutdruck und
Atmung zuständige vegetative Nervensystem und geht mit Stressabbau einher.
Diese positive Wirkung tritt unter einer Placebo-Behandlung nicht auf.
Für dieses innovative Forschungsergebnis wurde Dr. Antonius
Schneider, Facharzt in der Abteilung für Allgemeinmedizin und
Versorgungsforschung des Universitätsklinikum Heidelberg, und sein Team mit dem
Deutschen Akupunkturpreis 2007 in der Kategorie "beste
Forschungsarbeit" ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich von der Deutschen
Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V. verliehen und ist mit 5.000 Euro dotiert.
Unter einem Reizdarmsyndrom leiden etwa fünf Prozent der
Bevölkerung. Die Krankheitsursache ist nicht bekannt; auch ist sich die Medizin
nicht einig, ob und inwieweit die Psyche dabei eine Rolle spielt. Die Patienten
klagen über ein schmerzhaftes Spannungsgefühl im Bauch sowie über - im Wechsel
mit Verstopfung auftretenden - Durchfall, der länger als sechs Monate anhält.
Eine wirksame Behandlung gibt es bislang noch nicht.
Höhere Lebensqualität auch bei simulierter Akupunktur
In ihrer Studie gingen die Heidelberger Wissenschaftler
zunächst der Frage nach, ob ein Akupunkturverfahren die Lebensqualität der
Patienten mit einem Reizdarmsyndrom positiv beeinflusst. Anhand eines
speziellen Fragebogens wurden z.B. die Auswirkungen auf Schmerzen, die
Tagesaktivität, den Schlaf und die Verdauung untersucht.
Die Probanden erhielten entweder eine "echte"
(Verum-)Akupunktur oder eine Schein(Placebo)-Anwendung, die von dem
Heidelberger Anästhesisten Dr. Konrad Streitberger entwickelt wurde: Bei diesem
technischen Kunstgriff wird die Akupunktur nur simuliert, ohne dass
Muskelzellen und Nerven von der Nadelspitze in der Tiefe berührt werden.
"Die Lebensqualität der Patienten verbesserte sich in
beiden Behandlungsgruppen, ohne dass zwischen ihnen ein wesentlicher
Unterschied festgestellt werden konnte", fasst Dr. Antonius Schneider das
erste Ergebnis der Studie zusammen. In diesem Punkt scheint die Wirkung der
Akupunktur auf psychische Faktoren zurückzuführen zu sein - man spricht auch
von einem so genannten Placebo-Effekt. Eine Übereinstimmung von Verum- und
Placebogruppe kann generell bei Behandlungen festgestellt werden, die der
Patient für sich als intensiv und zuwendend erlebt.
Kortisolspiegel im Speichel wird gesenkt
"Wir wissen aberaus experimentellen Untersuchungen bei anderen Krankheitsbildern wie
etwa dem Herzfehler oder der Depression, dass Akupunktur auch das vegetative
Nervensystem des Patienten beeinflusst", erläutert Dr. Schneider. Das
vegetative Nervensystem regelt die lebenswichtigen Funktionen des Körpers wie
Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Verdauung und Stoffwechsel. In einem zweiten
Schritt untersuchten die Heidelberger Wissenschaftler daher, ob Akupunktur bei
Patienten mit einem Reizdarmsyndrom auch physiologische Wirkungen haben kann,
also körperliche Funktionen verändert oder beeinflusst.
Dabei konnten sie einen positiven Effekt auf das so genannte
parasympathische Nervensystem nachweisen - der Teil des vegetativen
Nervensystems, der erholungs- und entspannungsfördernde Anreize vermittelt.
Durch Messungen im Speichel der Patienten fanden sie heraus, dass unter
Akupunktur der Parasympathikus gestärkt wird und der Spiegel des Stresshormons
Kortisol absinkt. Ein gestärkter Parasympathikus und ein erniedrigter
Kortisolspiegel bedeuten auch geringeren Stress.
Darüber hinaus ging die Stärkung des Parasympathikus mit
einer Besserung der Schmerzen einher. "In der Placebo-Gruppe der
Reizdarmsyndrom-Patienten konnte diese eindrucksvolle Stärkung des
parasympathischen Nervensystems nicht beobachtet werden", stellt Dr. Schneider
fest.
An der Heidelberger Studie nahmen insgesamt 43 Patienten
teil, die über fünf Wochen jeweils zweimal wöchentlich akupunktiert wurden. Was
die Ergebnisse letztlich für die praktische Medizin bedeuten, lässt sich zum
jetzigen Zeitpunkt nicht klar sagen. "Noch überblicken wir den genauen
Mechanismus des physiologischen Effekts der Akupunktur nicht in allen
Einzelheiten", erklärt Dr. Schneider. Zusätzliche, breiter angelegte
Studien sind notwendig, um diesen Effekt für die Behandlung des Reizdarmsyndroms
nutzbarer zu machen.
 
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