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Entrepreneur und Stammesführer - Ein naturalistischer Ansatz zur Theorie der Firma
Jena [mpg] 13-06-2008

Die Mehrzahl der Beiträge zur "Theorie der Firma"
in der Ökonomik basiert auf der Annahme mehr oder weniger rationaler, von
Eigeninteressen geleiteter, autonomer Individuen. Diese Betrachtungsweise
erklärt allerdings nicht, warum viele Menschen sich jenseits von persönlichen
Interessen und über vertragliche Vereinbarungen hinaus, für die Ziele eines
Unternehmens oder ihrer Organisation engagieren. Gewinnstreben und materielle
Anreize sind ganz offensichtlich nicht die einzigen Determinanten für den
Erfolg eines Unternehmens. Welche Bedeutung die - in der Natur einzigartige -
menschliche Neigung zur Kooperation, die Übertragung und Weiterentwicklung
kultureller Inhalte durch Prozesse sozialen Lernens und der Entrepreneur in
Firmenkulturen sowie bezüglich des Funktionierens von Firmen haben, untersuchen
Christian Cordes vom Jenaer Max-Planck-Institut für Ökonomik und seine
Co-Autoren P. Richerson, R. McElreath und P. Strimling von der University of
California in einem jetzt veröffentlichten Beitrag.* Ihre Herangehensweise
basiert auf einem naturalistischen Ansatz, der Erkenntnisse aus anderen
Disziplinen, wie zum Beispiel der Psychologie, der Anthropologie oder der
Evolutionsbiologie, heranzieht. Dabei kommen außerdem mathematische Methoden
zur Abbildung kulturellen Lernens in Gruppen zum Einsatz.
Firmen, so die zentrale Hypothese von Cordes et al.,
existieren auch deshalb, weil sie einen geeigneten Rahmen bieten, ein
Kooperationsregime in der Firma zu etablieren, das auf evolvierten pro-sozialen
Dispositionen menschlicher Akteure beruht, etwa der Neigung, in Gruppen
kooperatives Verhalten zu zeigen. Solche kognitiven Dimensionen werden in den
traditionellen Theorien der Firma kaum betrachtet. Während der
Entwicklungsgeschichte der Menschheit hingen Erfolg und Überleben immer auch
von der Fähigkeit zur Kooperation in Gruppen ab; deshalb, so die Autoren, ist
die Neigung zur Kooperation über einen Prozess genetisch-kultureller
Ko-Evolution fest in den Genen verankert. Komplexe Gesellschaften wie die
unsere gibt es jedoch erst seit ca. 5000 Jahren. Zu kurz, um in den Genen
Niederschlag zu finden. In modernen Unternehmen arbeiten Menschen mit den
gleichen Prädispositionen und der gleichen Sozialpsychologie, wie in den
Stammesgesellschaften unserer Vorfahren.
Darüber hinaus wird in dem Beitrag die Rolle des
Entrepreneurs in der Sozialisierung und der Implementierung geteilter
kognitiver Interpretationsrahmen unter den Angestellten einer Firma beleuchtet.
Der Entrepreneur - oder eine andere leitende Persönlichkeit in einem
Unternehmen - stellt mit seinem Geschäftskonzept einen kognitiven Bezugsrahmen
bereit, der von den Angestellten des Unternehmens adaptiert werden kann. Die
darüber entstehende kognitive Kohärenz innerhalb der Gruppe stärkt den
Zusammenhalt und die Identifikation mit dem Unternehmen und prägt die
Firmenkultur. Zum anderen bietet sich der Entrepreneur oder Manager als
prominentes Rollenmodell für soziales Lernen an.
Ein formales Modell evolvierender Firmenkulturen liefert
dann einige interessante Einsichten: mit wachsender Gruppengröße sinkt der
Einfluss des Entrepreneurs im Sozialisierungsprozess und damit das Niveau
kooperativen Verhaltens in der Firma - oft eine kognitive Beschränkung des
Firmenwachstums. Zusätzlich wird eine Implikation bezüglich der Firmengröße
abgeleitet. Das Modell zeigt, dass bei hohen potenziellen Kosten, die aus
opportunistischem Verhalten resultieren, Firmen klein beleiben, und so ein
hohes Kooperationsniveau innerhalb der Firma ermöglichen. Dies mag ein Grund
sein, warum etwa Unternehmen, die von selbständig und eigenverantwortlich
arbeitenden Experten abhängen, geringe Größen aufweisen; opportunistisches
Verhalten wäre in diesem Kontext außerordentlich kostspielig.
"Wir haben kein Problem mit dem
Opportunitätsprinzip", sagt Christian Cordes. "Aber darüber hinaus
gibt es zweifellos weitere Triebkräfte, die das Verhalten von Menschen in
Firmen und anderen Organisationen beeinflussen. Mit unserem naturalistischen
Ansatz möchten wir dazu beitragen, die Verhaltensmodelle, die in diesen
Zusammenhängen zum Einsatz kommen, zu erweitern".
* Cordes, C., et al., A naturalistic Approach on the Theory
of the Firm: The role of cooperation and cultural evolution, J Econ Behav Organ
(2008), doi: 10.10.1016/j.jebo.2008.08.008
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