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Eltern an der Grenze des Machbaren
Studie im Einzelhandel sowie in der Film- und Fernsehbranche: Wissenschaftler der TU Chemnitz und des Deutschen Jugendinstituts untersuchen die Vereinbarkeit von Berufsalltag und Familienleben
Chemnitz [TU] 16-07-2008

Eine Familie in den 1950er Jahren: Der Vater verdient den
Lebensunterhalt, die Mutter zieht die Kinder groß - Familienleben und
Erwerbsarbeit sind zwei recht streng getrennte Sphären. Seit Ende der 1960er
Jahre weicht jedoch nicht nur die Rollenverteilung auf, sondern auch die Arbeitszeiten
und -orte haben nahezu keine Grenzen mehr - allerdings mit jeweils ost- und
westspezifischen Entwicklungsaspekten.
Im Forschungsprojekt "Entgrenzte Arbeit - entgrenzte
Familie" haben sich Forscher der Professur Industrie- und
Techniksoziologie der TU Chemnitz von Prof. Dr. G. Günter Voß sowie des
Deutschen Jugendinstituts München mit dem Umbruch in der Erwerbsarbeit und im
Familienleben beschäftigt. Dazu haben sie von März 2006 bis Februar 2008
Interviews mit 76 Müttern und Vätern geführt, die in München oder Leipzig im
Einzelhandel bzw. in der Fernseh- und Filmbranche arbeiten. Das Projekt wurde
von der Hans-Böckler-Stiftung finanziell gefördert.
Arbeit und Familie ohne zeitliche oder räumliche Grenzen
Der Einzelhandel steht in der Studie stellvertretend für die
hochflexible Arbeit - und häufig verbreitete Teilzeitarbeit - im
Dienstleistungssektor. Die Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten verschärft den
Trend zu flexiblen Arbeitszeiten und Schichtsystemen im Einzelhandel bei
gleichzeitigem Abbau von Arbeitsplätzen. Im Jahr 2006 arbeiteten 2.585.000
Beschäftigte im Einzelhandel, 6,4 Prozent weniger als 1995. Jeder zweite
Arbeitsplatz ist inzwischen ein Minijob oder eine Teilzeitstelle -
gekennzeichnet durch in Lage und Dauer sehr variable Arbeitszeiten. Bei den
Führungs- und Vollzeitkräften steigt parallel dazu die regelmäßige
Wochenarbeitszeit. Durch eine geringe Personaldecke ist die Planung oft sehr
kurzfristig und führt zu einer Unvorhersehbarkeit der Arbeitszeiten. "Auch
die Arbeit zu so genannten unsozialen Zeiten - abends nach 19 Uhr und an
Samstagen - ist im Einzelhandel weit verbreitet und macht es schwierig, ein
soziales Leben mit der Familie und Freunden zu pflegen", sagt Peggy
Szymenderski, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur
Industrie- und Techniksoziologie der TU Chemnitz. Hinzu
kommen - vor allem bei Führungskräften - hohe Anforderungen an die räumliche
Flexibilität.
Seit sich neben den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern
die kommerziellen etabliert haben, ist die Zahl der Beschäftigten in der Film-
und Fernsehbranche gestiegen - jedoch nicht unter den Festangestellten und den
für diese Branche traditionellen festen freien Mitarbeitern, sondern bei den
freien Mitarbeitern und den auf Produktionsdauer befristet Angestellten. Im
Jahr 2005 lag die Zahl der versicherungspflichtig Beschäftigten bei rund
96.500. Die Arbeitsbedingungen sind je nach Branchensegment unterschiedlich -
die extremsten Anforderungen an die räumliche und zeitliche Flexibilität der
Beschäftigten sowie die höchste Unsicherheit über Anschlussprojekte bestehen
bei der Produktion von Kinofilmen und Fernsehspielfilmen. Die Arbeitszeiten
liegen häufig - zumindest während einer laufenden Produktionsphase - nur sehr
knapp oder auch gar nicht mehr im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes. Gedreht wird
dabei auch nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Die in der Film- und
Fernsehbranche typische projektbezogene Arbeit ist auch in der Wissenschaft, im
Journalismus, in der IT-Branche, im Bereich Werbung und Design sowie in der
Automobilbranche typisch.
Parallel zu den Veränderungen in der Erwerbswelt stellen die
Wissenschaftler auch einen Wandel im Familienleben fest. "Die so genannte
Normalfamilie der 1950er und 1960er Jahre gibt es nicht mehr, Menschen
durchlaufen in ihrem Leben verschiedene Familienkonstellationen",
berichtet Szymenderski und ergänzt: "Auch die Konturen von Weiblichkeits-
und Männlichkeitsbildern weichen auf."
So kümmern sich heute die Männer immer häufiger um die
Betreuung und Erziehung der Kinder, während Frauen öfters als früher
berufstätig sind. Auch Männer üben ihre Berufe nicht mehr ein Leben lang aus
und erfüllen seltener die Ernährerrolle. Aus der gleichzeitigen Entgrenzung von
Erwerbsarbeit und Familie ergibt sich eine komplexe Gemengelage, die von den
Betroffenen große Anstrengungen und viel Einfallsreichtum fordert, um Familie
und Arbeit unter einen Hut zu bekommen.
Familienleben in den Zeitlücken der Erwerbsarbeit
"Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Verhältnisse
verkomplizieren. Erwerbstätige Eltern sind heute damit konfrontiert, mit
Veränderungsprozessen in der Erwerbsarbeit und der Familie umzugehen",
fasst Szymenderski zusammen und ergänzt: "Einige Aspekte der Entgrenzung
von Familienleben und Erwerbsarbeit kommen den Familien zwar entgegen und sind
positiv besetzt. Im Alltag überwiegen aber die Belastungen und neuen
Herausforderungen." Die befragten Eltern sind durch ihr Bemühen, Familienleben
und Berufstätigkeit zu vereinbaren, so erschöpft, dass sie die Sorgeleistungen
für die Familien oft an der Grenze des Machbaren praktizieren. Weiterhin
erfasste die Studie gemeinsam verbrachte Zeit als Grundbedingung für eine
Familie - die jedoch immer seltener gesichert ist: "Flexiblere
Arbeitszeiten und steigende Mobilität im Beruf führen dazu, dass Familie
zunehmend in den Zeitlücken der Erwerbsarbeit sowie aus der Ferne gelebt werden
muss", so Szymenderski. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass
Familienmitglieder verlässlich für eine gemeinsame Freizeitgestaltung zur
Verfügung stehen - auch wenn diese wesentlich zur Lebensqualität einer Familie
beiträgt und Voraussetzung für die kindliche Entwicklung und Bildungsprozesse
ist. Familien sind dadurch gezwungen, die Gemeinsamkeit ihrer Mitglieder
geplant und aktiv herzustellen. Familie wird so zu einer anspruchsvollen
Herstellungsleistung und erfordert die Entwicklung kreativer Praktiken und
deren stete Überprüfung und Anpassung an sich ändernde Rahmenbedingungen.
Deutlich wird auch, dass zwischen den zeitlichen und
räumlichen Flexibilisierungen in der Erwerbsarbeit auf der einen und einem
Großteil der sie umgebenden, nach wie vor weitgehend starren Institutionen wie
Kindertagesstätten und Behörden auf der anderen Seite große Lücken klaffen.
"Es zeigt sich ein hoher, äußerst differenzierter und komplexer Bedarf an
flexibler Kinderbetreuung, den die berufstätigen Eltern aufgrund fehlender
öffentlicher Betreuungsangebote vielfach nur durch kreatives Jonglieren und
private Betreuungslösungen befriedigen können." Die Wissenschaftler haben
aus ihren Interviews einige Bedarfspunkte in der Kinderbetreuung herauskristallisiert:
So verlangen die Eltern in den untersuchten Branchen nach einer zeitlichen Ausdehnung
des Betreuungsangebotes in den frühen Morgen- sowie in den Abendstunden, an
Wochenenden und in Ferienzeiten, nach einer zeitlich flexiblen und auch
kurzfristigen Nutzbarkeit von Betreuungsangeboten zu bezahlbaren Konditionen,
nach Betreuungslösungen für räumlich mobil Erwerbstätige sowie nach
kindgerechten flexiblen Betreuungskonzepten, die auch der Entwicklungsförderung
der Kinder dienen. "Vor allem in Westdeutschland klaffen die beruflichen
Anforderungen und die Angebote von öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen
weit auseinander. Aber auch in den neuen Bundesländern, wo das Ganztagsangebot
die Regel ist, fehlt es weitgehend an ausreichender Flexibilität im
Betreuungsangebot", resümiert Szymenderski. Dabei würde sich ein besseres
Angebot auch wirtschaftlich lohnen - denn ein gelingender Familienalltag wirkt
sich positiv auf Motivation und Engagement im Beruf aus, so ein weiteres
Ergebnis der Studie. Erfahren die Beschäftigten umgekehrt zu große
Einschränkungen der Möglichkeit, den Familienalltag eigensinnig zu gestalten
und auf die Bedürfnisse der Familienmitglieder abzustimmen, tragen sie diese
Unzufriedenheit in die Arbeitswelt zurück.
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