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Familiengeführte Fleischunternehmen: eine Alternative zu den Großen der Branche?
Round-Table-Gespräch in Brüssel
Brüssel [VLAM] 14-10-2008

Am 27. und 28. August 2008 trafen sich Fachjournalisten aus
Deutschland, Frankreich, Italien und Belgien in Brüssel zu einem
Rundtischgespräch mit belgischen Fleischexporteuren. In Anspielung auf die
jüngste Welle von Fusionen und Übernahmen in der Fleischbranche lautete das
Thema dieser dritten Edition „Familiengeführte Fleischunternehmen: eine
Alternative zu den Großen der Branche?“. Den Auftakt der zweitägigen
Veranstaltung bildete eine Besichtigung des Zerlegebetriebes und der
Fleischverarbeitungsabteilung der Q-group.
Belgien ist ein bedeutender Lieferant von Schweine-, Kalb-
und Rindfleisch. Angesichts der zentralen Lage in Europa liegt es nahe, dass
die belgischen Fleischlieferanten die internationale Marktentwicklung sehr
aufmerksam beobachten. Im europäischen Kontext fällt auf, dass der
Fleischkonsum insgesamt stagniert; weltweit nimmt der Handel dagegen zu. Rezent
zeichnet sich eine aktuelle Welle von Fusionen und Übernahmen in den
Nachbarländern ab.
VION-Grampian, Bigard-Socopa, Tönnies, JBC-Inalca und Danish
Crown sind nur einige Beispiele für diesen Trend zu immer größeren
Fleischunternehmen. Ist dies eine Reaktion auf die großen Marktplayer in Nord-
und Südamerika oder ist dies die Folge einer Konzentration auf der
Nachfrageseite? Ist das die richtige Antwort auf die Herausforderungen?
Fest steht: diese Bewegung ist nicht nur auf die
Fleischbranche beschränkt. Auch im niederländischen und deutschen Obst- und
Gemüsesektor hat eine deutliche Tendenz zu größeren Betrieben eingesetzt. In
Frankreich findet eine ähnliche Entwicklung in der Geflügelfleischbranche
statt. In Belgien scheint es in Sachen Fusionen und Übernahmen momentan eher
ruhig zuzugehen; jedenfalls hat sich in den meisten Betrieben die
Familienstruktur behauptet. Diese Tatsache bildete dann auch das Hauptthema des
Round-Table-Gespräches.
Der Besuch bei Q-group lieferte ein schönes Beispiel dafür,
wie sich ein typischer belgischer Familienbetrieb auf geänderte
Marktverhältnisse umgestellt hat. Q-group gliedert sich in drei verschiedene
Abteilungen, die nach dem gleichen Konzept geführt werden: Q-beef
(Rindfleischerzeugung), Q-meat (Fleischzerlegung) und Q-food
(Fleischverarbeitung). Q-food ist zwar der jüngste Spross, entwickelt sich aber
am schnellsten und bedient die wachsende Nachfrage nach Convenience- und
maßgearbeiteten Erzeugnissen. Mit über 1.300 verschiedenen Endprodukten hält
das Unternehmen für jeden Kunden eine wunschgerechte Lösung bereit. Seinen Platz
hat Q-group in einem Nischenmarkt für HoGa, Catering, Krankenhäuser, Schulen
u.ä. gefunden. Dieser Zielgruppe kann eindeutig ein besonderer Service und
Mehrwert angeboten werden.
Q-group dokumentierte sehr anschaulich, was viele
Familienbetriebe auszeichnet: ein hohes Maß an Engagement und eine einfache
Betriebsstruktur. So ist es möglich, auch Sonderwünsche schnell zu erfüllen.
Denn der Gesprächspartner, mit dem der Kunde am Telefon
verhandelt, ist zugleich auch Entscheidungsperson. Flexibilität ist schließlich
weitgehend eine Frage schneller Entscheidungen.
Hiernach folgen einige Highlights aus der fesselnden
Round-Table-Diskussion von Donnerstag, 28. August 2008 in Brüssel. René
Maillard, der das Gespräch moderierte, sagte anschließend:
„Die Professionalität und die Vision dieser belgischen
Unternehmensleiter haben mich tief beeindruckt. Sie schaffen es, ihre Trümpfe
maximal auf dem Weltmarkt auszuspielen und sind so eine vollwertige Alternative
zu den Weltspielern. Das erklärt, weshalb Belgien schon so lange ein so
gewichtiger Fleischproduzent in Europa ist. Ferner möchte ich mich auch recht
herzlich bei den ausländischen Fachjournalisten für ihre konstruktiven Beiträge
zur Debatte bedanken.“
Wie sieht Ihr Zehnjahresplan aus?
Martin Taelman (Q-group):
„Bisher haben wir uns auf lokale Kunden im Nischenmarkt
Foodservice konzentriert wie Krankenhäuser, Großküchen, Schulen, Ministerien,
.... Wir möchten uns in Zukunft mehr auf den LEH konzentrieren.“
Johan Heylen (Van Lommel):
„Die Konsolidation im belgischen Kalbfleischsektor ist schon
15 Jahre abgeschlossen. Ich erwarte für die kommenden zwei bis fünf Jahre eine
neue Konsolidierungswelle in unseren Nachbarländern, als Antwort auf die
größere Konzentration im LEH. Insbesondere für vorverpackte Endprodukte ist es
klar, dass der Aktionsradius auf ungefähr 500 Kilometer beschränkt ist. Für
größere Entfernungen führt das große Luftvolumen in den Kleinverpackungen zu
hohen Transportkosten. Ich erwarte deshalb, dass der Trend in Richtung
grenzüberschreitende Zusammenarbeit geht und regionale Partner gesucht werden
müssen.“
Philippe Van Damme (Locks):
„Zehn Jahre scheint mir doch zurzeit eine sehr lange
Zeitspanne, denn der Markt entwickelt sich bedeutend schneller als früher.
Locks hat sich inmitten der Lebensmittelkette etabliert. Ich gehe davon aus,
dass wir uns in den kommenden Jahren in beide Richtungen entwickeln müssen:
sowohl in Richtung Anfuhr als auch in Richtung Verbraucher. Was die
Verbraucherorientierung anbelangt, so müssen wir in erster Linie für eine
Produktaufwertung einstehen. Diese Entwicklung heißt im Klartext: vertikale
Integration. Die Zukunft wird uns zeigen, ob wir das eigenständig
bewerkstelligen oder ob wir hierfür spezielle Partnerschaften eingehen müssen.“
Luc Verspreet (Covavee):
„Zehn Jahre sind in der Tat eine lange Zeit. Unsere Mission
ist es, ein nachhaltiges Unternehmen für die Produzenten zu schaffen. Derzeit
führen wir eine Studie durch, um zu überprüfen, wie sich die Branche
entwickelt. Wir erwarten zwar, dass Bewegung in unsere Branche kommt, gehen
aber davon aus, dass dies langsamer als in unseren Nachbarländern verlaufen
wird. Auch in Belgien wird es Partnerschaften und Fusionen geben. Die
Landschaft wird bereits in fünf Jahren völlig anders aussehen und es werden
neue Gruppen entstanden sein. Wer weiß, vielleicht wird auch Covavee dann einem
größeren Ganzen angehören. So können wir unseren heutigen Marktanteil von 10
bis 13 Prozent vielleicht auf 20 bis 25 Prozent ansteigen lassen. Größer zu
werden ist allerdings kein Ziel an sich. Unser Motto lautet „Gemeinsam stärker
werden“; dabei wollen wir uns insbesondere dafür einsetzen, dass alle Parteien
profitieren: Eins plus eins muss drei ergeben! Wir sind keinesfalls neidisch
auf die Großen und gehen stets von unseren Stärken aus. Diese Stärken werden
wir nie zugunsten eines Wachstums aufgeben!“
Marc De Moor (Jademo):
„In der Sauenfleischproduktion größer zu werden ist keine
Option innerhalb Europas; sie hat bereits ihre Grenzen erreicht. Auch ist unser
Produkt nicht für Convenience geeignet. Mein persönlicher Traum ist es, eine
Fleischwarenfabrik zu übernehmen. Ob dieser sich jemals erfüllen wird, hängt
von den Plänen meiner Nachfolger ab.“
Wie gestaltet sich die Zukunft von Genossenschaften?
Luc Verspreet (Covavee):
„Derzeit gibt es in Belgien eine einzige Genossenschaft in
der Fleischbranche. Und sie hat Erfolg: Während die Gesamtproduktion in Belgien
stabil ist, wächst die Genossenschaft jedes Jahr aufs Neue. Die Gründe für
diese Entwicklung? Die Produzenten stellen sich dieselben Fragen, wie wir es
heute bei diesem Round Table tun. Wir können zwar in puncto Produktion und
Ertrag Klassenbester sein, doch ohne eine Entwicklung innerhalb der Branche
sind Probleme für die Zukunft vorprogrammiert. Wenn wir zusammen arbeiten,
können wir stärker werden und das ist unserer Meinung nach die beste
Möglichkeit um zu überleben und im Wettbewerb mit unseren großen Playern zu
stehen.
Wichtig ist, dass für den weiteren Ausbau der Genossenschaft
auch Investitionsmittel außerhalb des Produktionscircuits gesucht werden
müssen. Die Produzenten brauchen ihre eigenen Mittel für ihren eigenen Betrieb;
sie bleiben aber auf jeden Fall immer finanziell mit einbezogen, was sie
wiederum extra stimuliert und sie anspornt, weiter zu machen.“
Wie entwickelt sich in Belgien die SB- und Convenience-Abteilung im
Vergleich zur Bedienungstheke?
Philippe Van Damme (Locks):
„In Belgien sehen wir den Anteil an Convenience-Produkten
deutlich wachsen. Das macht derzeit drei bis vier Prozent des Umsatzes aus und
wir erwarten nicht, dass diese Entwicklung sich schnell ändern wird. Die Zeit,
in der wir zwei Stunden in der Küche standen, um das Essen zuzubereiten ist
vorbei. Die Rolle der Bedienungstheke nimmt – unter anderem aus Kostengründen -
deutlich ab.“
Luc Verspreet (Covavee):
„Es wird immer schwieriger, gute Metzger für die
Bedienungstheken zu finden. Wenn der Kunde schlecht bedient wird, wird sich das
negativ auf das Vertrauensverhältnis auswirken.“
Martin Taelman (Q-group):
„Nicht nur im LEH sind Convenience-Produkte gefragt. Auch in
Großküchen sehen wir einen Trend zu „Assemblage“-Küchen, wo die Mahlzeit aus
verschiedenen Fertiggerichten zusammengestellt wird. Die Produkte der Q-group
füllen hier, im wahrsten Sinne des Wortes, das Loch, das zum Beispiel Metzger
hinterlassen haben. Gleichzeitig wird auf diese Art der Mangel an
Küchenpersonal aufgefangen.“
Luc Verspreet (Covavee):
„Die Verbraucher reagieren auf den Convenience-Trend: wir
liefern Produkte mit Mehrwert und tragen so zu Geselligkeit bei.“
Welchen Platz nehmen Bio-Produkte auf dem belgischen Markt ein?
Philippe Van Damme (Locks):
„Die belgische LEH-Kette Delhaize hat sich in Belgien voll
dem Biotrend angepasst. Diese Nische ist nach wie vor sehr klein und wächst
äußerst langsam. Ich glaube zwar an die Möglichkeiten von Bio, doch das Problem
liegt darin, dass der Preis für Bio-Produkte sehr hoch liegt. Der
Durchschnittsverbraucher gibt sein Geld aber lieber für Urlaub als für
Nahrungsmittel aus.“
Johan Heylen (Van Lommel):
„Durch den Bio-Trend wurde auch die Einstellung in puncto
Tierwohlsein sensibilisiert. Dies hat sich auf die Vorschriften der
traditionellen Landwirtschaft ausgewirkt. Das Problem ist, dass europäische
Länder, in denen inzwischen strenge Regeln vorherrschen, im Wettbewerb mit
Drittländern stehen, wo sich in Sachen Tierwohlsein nicht viel verändert hat.“
Philippe Van Damme (Locks):
„Unsere Vorschriften verändern sich eigentlich permanent und
es kommen stets mehr Auflagen hinzu. Deshalb erreichen unsere Produkte auch ein
sehr hohes Qualitätsniveau. In Brasilien beispielsweise gelten ganz andere
Bedingungen – und das kann dazu führen, dass wir nicht wettbewerbsfähig sind.“
Große Fleischbetriebe können auch sehr flexibel reagieren und unter dem
Druck der Discounter nehmen sie kleinere Margen in Kauf. Sollten sich die
belgischen Betriebe nicht in erster Linie auf ihre Position auf den
Nischenmärkten konzentrieren und sich so aus der Schusslinie der Preiskriege
halten?
Martin Taelman (Q-group):
„Wir konzentrieren uns als Q-group in der Tat auf einen Nischenmarkt:
Lokale Kunden im Foodservice (Krankenhäuser, Catering, Schulen, Ministerien…).“
Philippe Van Damme (Locks):
„Was den Ertrag anbelangt, sehen wir einen großen
Unterschied zwischen belgischem und ausländischem Fleisch. Manchmal kaufen wir
Teilstücke im Ausland und stellen fest, dass der Ertrag des zweiten Schnittes
in Belgien deutlich höher liegt. Das ist auf die genetischen Vorzüge der in
Belgien gezüchteten Rassen zurückzuführen.“
Luc Verspreet (Covavee):
„Die kleineren Betriebe sind es gewohnt, zu kämpfen. Es
wurde ihnen sozusagen in die Wiege gelegt. Wir wachsen langsam und können so
dafür sorgen, dass wir unsere Stärken nicht verlieren: wir können schnell
Entscheidungen treffen, einen persönlichen Service bieten und verfügen über
eine tiefgehende Fach- und Produktkenntnis. Und darüber hinaus bieten die
belgischen Lieferanten den billigsten Kilogrammpreis für mageres
Qualitätsfleisch. In den vergangenen 20 Jahren wurde permanent an verschiedenen
Fronten in die Qualität investiert.
Der Ertrag lag immer auf einem sehr hohen Niveau. Mitte der
80er Jahre wurde weiter an der Qualität gefeilt. Damals haben wir mit der
systematischen Einkreuzung stressnegativer Tiere angefangen. Mit der Folge,
dass wir immer noch einen sehr hohen Ertrag anbieten können – und das in
Kombination mit Top-Qualität.
Solange wir alle diese Trümpfe ausspielen können, sind wir
konkurrenzfähig. Dass diese Strategie funktioniert, beruht auf der Tatsache,
dass belgische Unternehmen auf allen Märkten vertreten sind. Früher hat man die
Rolle von belgischem Fleisch unterschätzt. Heute sind wir sogar der wichtigste
Fleischlieferant Deutschlands.“
Die Teilnehmer aus der belgischen Fleischwirtschaft:
Covavee - Luc Verspreet
- Die einzige belgische Schweinegenossenschaft und deshalb
einer der wichtigsten Player am belgischen Markt.
- Zugehörige Betriebe:
- Comeco (Meer) – Schweineschlachthof und –zerlegebetrieb
- Covameat (Heuvelland) - Schweineschlachthof und
–zerlegebetrieb
- Adriaens (Zottegem) – Rinderschlachthof und –zerlegebetrieb
- Carniportion (Zottegem) – Hersteller von
Convenience-Produkten
- Covavee exportiert mehr als die Hälfte seiner Produkte.
Deutschland ist hierbei einer der wichtigsten Zielmärkte.
- In Belgien konzentriert sich Covavee in erster Linie auf den
LEH und die Lebensmittelindustrie.
Locks - Philippe Van Damme
- Sehr moderner Schweinezerlegebetrieb, der durch eine
ausgefeilte Automatisierung hervorsticht.
- In erster Linie exportorientiert. Lediglich zehn Prozent der
Produktion sind für den belgischen Markt bestimmt.
Vanlommel - Johan Heylen
- Integrierter Kalbfleischproduzent in Familien-Hand.
- 65 Prozent des Umsatzes wird im Exportgeschäft erzielt. In
Belgien liegt der Schwerpunkt beim LEH.
Q-group - Martin Taelman
- Familienbetrieb
- Drei unabhängige Abteilungen: Q-beef (Produktion von Rindfleisch),
Q-meat (Fleischzerlegung) und Q-food (Fleischverarbeitung).
- Nischenmarktplayer: Konzentriert sich in erster Linie auf
lokale Kunden im Foodservice (HOGA , Catering, Krankenhäuser und Schulen).
Jademo - Marc De Moor
- Auf die Zerlegung von Sauenfleisch spezialisierter Betrieb.
- Im Jahre 2003 aus der Fusion von zwei kleineren Betrieben
hervorgegangen.
- Sehr stark exportorientiert.
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