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Sensorik – Geschmack ist messbar!
Angela Schilling Schmitz berichtet vom Jahresmeeting 2008 des IVBFF: Ein Vortrag von Kirsten Buchecker, Technologie Transfer Zentrum (ttz) Bremerhaven
Heidelberg [IVBFF] 01-05-2008

Wie hat sich unser Geschmack entwickelt und was haben wir im
Laufe der Zeit alles verlernt? Ob sich über Geschmack vielleicht doch streiten
lässt? Die Beantwortung dieser und weiterer Fragestellungen aus der praktischen
Sensorikforschung hat sich das ttz in Bremerhaven auf die Fahnen geschrieben. Ziel
der Forschungseinrichtung ist es insbesondere, ihre Forschungsergebnisse für
Wirtschaft nutzbar zu machen.
Wie schwer die praktische Umsetzung in der Praxis ist, kennt
die gelernte Lebensmitteltechnologin aus eigener Erfahrung. Anderthalb Jahre
harte Arbeit hat es die Firma FROSTA gekostet, die Rezepturen von Zusatzstoffen
zu befreien und ihre Vorlieferanten anzubinden. Um so erstaunlicher war es
daher, so berichtete Kirsten Buchecker, dass erste Konsumententest Reaktionen
wie „das schmeckt künstlich oder chemisch“ ergaben und begründet dies mit der
angeborenen Schutzreaktion des Menschen vor Unbekanntem.
Derzeit beschäftigt sich das Sensoriklabor insbesondere mit
den drei Fragestellungen, ob adipöse Kinder über andere Schwellenwerte
verfügen, wie sich signifikante sensorische Unterschiede von Bio-Lebensmitteln beschreiben
lassen sowie die sensorische Charakterisierung verschiedener Kartoffelsorten.
Herzstück der Einrichtung bildet das Labor mit derzeit zehn
Kabinen. Unterschiedliche Lichtfarben ermöglichen es, Farbeinflüsse einzelner
Lebensmittel bei ihrer Prüfung zu neutralisieren. Da bestimmte Farben bestimmte
Gerüche und Geschmacksrichtungen assoziieren, geraten die persönlichen
Erfahrungen und Erwartungen bei dieser Form der Produktwahrnehmung häufig
durcheinander.
Die Ergebnisse aus den sensorischen Test und den Konsumentenprüfungen
liefern klare und differenzierte Ansätze für die Produktentwicklung und
Vermarktung. Produkte mit stark regionalem Gefälle und nationaler Listung
stellen häufig eine große Herausforderung für die Unternehmen dar, erklärt die
Sensorikexpertin. Hier gilt es, zwischen Mittelmaß bzw. Durchschnittsgeschmack oder
Schwerpunktregion abzuwägen.
Der Mensch als Messinstrument
Zur Überführung subjektiver Sinneseindrücke in objektive, statistisch
gesicherte Daten gilt es, die Teilnehmer intensiv zu schulen, um so die
Einzelbewertungen zu skalieren und zu standardisieren. Wertvolle Unterstützung leisten
hierbei spezielle DIN Normen, welche entsprechende Fachbegriffe definieren und
die Durchführung der unterschiedlichen sensorischen Prüfverfahren bis hin zu
Konsumententest im Detail beschreiben. Die Anwendungsfelder der Sensorik im
betrieblichen Umfeld reichen von der Qualitätssicherung und Produktentwicklung über
den Ein- und Verkauf bis hin zur Marktforschung. Nicht unterschätzt werden
sollte hier jedoch der hohe Schulungsbedarf. Es ist von äußerster Wichtigkeit,
dass die Mitarbeiter ein einheitliches sensorisches Vokabular (sensorisches
Wissen) verwenden und gleich bewerten. Hinzu kommt die Prüfung der Prüfpersonen
auf ihre sensorischen Fähigkeiten.
Die fünf Sinne: Gesichtssinn – Geruchssinn – Geschmackssinn – Gehörsinn –
Tastsinn
Aber auch professionelles Riechen will gelernt sein. Durch
Schnüffeln wird nicht nur die Wahrnehmung intensiviert; es können auch deutlich
mehr Gerüche wahrgenommen werden. Zu den bereits lange bekannten Grundgeschmacksarten
ist in den letzten Jahren eine weitere hinzu gekommen: umami. Dieser Geschmack
wird mit den Attributen fleischig und wohlschmeckend beschrieben und hat daher
für Produkte mit hohem Proteingehalt und insbesondere für die Fleischbranche
eine große Bedeutung.
Der Temperatursinn als Teil des Tastsinns spielt eine entscheidende
Rolle bei der Empfehlung von Verzehrstemperaturen. So wird für Fleisch als
optimale Produkttemperatur ca. 65°C empfohlen, für Gemüse jedoch eine weitaus niedrigere,
da aufgrund seines hohen Wassergehaltes anderenfalls der Schmerzsinn
angesprochen würde.
„Achten Sie immer auf die Probenreihenfolge, so der Rat von
Kirsten Buchecker, „und beginnen Sie bei sensorischen Tests nie mit sehr
salzigen oder scharfen Produkten.“ Weitere Spielregeln in der professionellen Sensorik
lauten: kein Kaffee, Geschmacksneutralisation mit Brot und Wasser, zwischen den
einzelnen Proben und keine störenden Gerüche wie z.B. durch Aftershave.
Entscheidend sind letztendlich die sensorischen Fähigkeiten
und das sensorische Wissen der Prüfer und nicht zuletzt die Prüfvorbereitung
und -umgebung.
Anders als beim Beliebtheitstest ist es bei den
beschreibenden Prüfungen unwichtig, ob das Produkt persönlich schmeckt. Hier
zählt alleine die Einschätzung der Sensorikexperten auf Basis ein
Produktprofils.
Die Auswertung der sensorischen Bewertung der beiden von den
Teilnehmern verkosteten Proben Schwarzwälder Schinken und Katenschinken – zwei Produkte
mit unterschiedlicher regionaler Herkunft und sehr verschiedenen
charakteristischen Eigenschaften – zeigt zur Überraschung der Probanden, wie
weit die Bewertungsskala selbst bei „Fleischexperten“ ohne vorherige
Kalibrierung differiert. Der Beweis dafür, dass sich über Geschmack an sich
eben doch nicht streiten lässt und die objektive Messbarkeit von Geschmack nur unter
standardisierten Bedingungen möglich ist.
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