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Rote Rindersteaks und Rückstandsforschung
Frische und Gesundheit waren die beherrschenden Themen der 43. Kulmbacher Woche
Kulmbach [Dir. und Prof. Dr. Wolfgang Branscheid] 30-05-2008

Mit gestiegener Teilnehmerzahl und rege diskutierten
Vorträgen zog das Institut für Sicherheit und Qualität bei Fleisch des Max
Rubner-Instituts (MRI) am Standort Kulmbach eine rundum positive Bilanz zur 43.
Kulmbacher Woche. In vier Sektionen wurden 23 Vorträge aus den Gebieten der
Fleischtechnologie, der Hygiene und der Analytik gehalten. 230 Besucher waren
gekommen, davon immerhin 25 aus dem Ausland. Der Präsident des MRI, Prof. Dr.
Gerhard Rechkemmer, wies in der Begrüßung der Teilnehmer auf die besondere
Bedeutung dieser Forschungsergebnisse für die gesunde und sichere Ernährung der
deutschen Verbraucher hin.
Die 43. Kulmbacher Woche wurde durch einen Vortragsteil
eingeleitet, der den Nöten der Verbraucher in besonderer Weise Rechnung trug.
Als Folge der Skandale der letzten Monate ist die Frische heute, so war zu
hören, ein weit beherrschendes Thema, so dass der Begriff Fleischqualität
geradezu neu gefasst werden muss. Ein objektiver Nachweis für die Frische von
Fleisch wird gesucht, und schon im Vorfeld fängt harte Arbeit an. Denn zunächst
ist Frische zu definieren. „Die Rückseite der Medaille ist dafür am
ergiebigsten“, erläuterte der Chemiker Dr. Rainer Scheuer vom MRI, „man muss
schauen, was das Kotelett durchmacht, bis es gerade nicht mehr frisch ist“. Die
chemischen Verbindungen, die während langer Lagerung entstehen, weil Eiweiße
abgebaut werden, seien gute Kandidaten für eine Rolle als Indikatoren der
Frische. Dies sind überwiegend Amine und sie sind dem Verbraucher als
Aromakomponenten etwa der Käsereifung teilweise gut bekannt. Die Amine lassen
sich mit der chemischen Laboranalyse leicht nachweisen. Allerdings braucht der
Nachweis Zeit, eine gute Perspektive für den Frischenachweis ist das nicht.
Schnellanalysen sind also gefragt. Ziel der Bemühungen einer ganzen
Forschergruppe ist daher der elektronische „Frischescanner“, der den Zustand
von Fleisch noch in der verschlossenen Folienverpackung erfassen soll. Gedacht
ist an eine Messpistole, die mit Laserlicht auf das Fleischstück schießt und
die reflektierten Lichtblitze ausmisst. „Das ist optische Sensorik“, erklärte
der Elektroniker Dr. Ralf Thomasius von der Technischen Universität Berlin. Die
Veränderung des Laserstrahls in der Reflexion von frischem Fleisch falle anders
aus als bei überlagertem Fleisch, daraus ergäben sich die entscheidenden
Rückschlüsse. Noch verfügen die Wissenschaftler nur über einen Prototyp des
Gerätes, aber offenbar zeigt sich schon, dass das Verfahren zur Überwachung der
gesamten Lebensmittelkette geeignet sein wird.
Wenn Frische nur durch die Fleischfarbe charakterisiert
wäre, könnte man sie auch künstlich herstellen. Der Tierarzt Dr. Peter Nitsch
untersuchte ein Verfahren, bei dem hochkonzentrierter Sauerstoff unter
Druckbehandlung in das Rindersteak hineingepresst wird. Das Ergebnis ist
tatsächlich eine überaus frisch-rote Farbe, die sogar haltbar ist. „Das sieht
schön aus, aber macht Probleme“, stellte der Referent fest. Sauerstoff unter
hohem Druck mache Fette ranzig und das Steak kaum mehr genießbar. Einen anderen
Ansatz zur Qualitätsverbesserung trug Dr. Simone Müller, Landesanstalt für
Landwirtschaft in Thüringen vor. Sie setzte für die Beeinflussung der Rohschinkenqualität
auf die Variation der Schweinrasse. Die von ihr favorisierten rustikaleren
Duroc-Kreuzungen erwiesen sich aber gegenüber den fleischreichen
Pietrain-Nachkommen als unterlegen. Ihr Problem waren die mäßigen sensorischen
Bewertungen, die wohl auf die Empfindlichkeit des Fettes zurückzuführen sind.
Instabile Fette führen zu Ranzigkeit, die in Aroma und Geschmack negativ
auffällt.
Für die Chemikerin Dr. Sabine Andreé aus Kulmbach war
Vertrauen gut, aber profundes Wissen besser. Dies hatte sie zur Erarbeitung von
Methoden der Tierarterkennung geführt, in ihrem Vortrag ging es vor allem um
Geflügelprodukte. Die Frage war, ob etwa gelegentlich Hähnchen untergemischt
wird, wo ausschließlich Barbarie-Ente auf dem Etikett steht. Wenn Zweifel
bestehen, ob alles mit rechten Dingen zugeht, muss man einen Nachweis führen
können. Die molekulargenetische PCR-Methode hat sich hierfür bewährt, sie ist
ja auch ansonsten gut für Kriminalistisches geeignet. „Von Wachtel bis Truthahn
erkennen wir alles, was beim Geflügel wichtig ist“, fasste Dr. Andreé ihre
Untersuchungen zusammen. Sie gab aber gleichzeitig Entwarnung: Selbst mit ihrer
empfindlichen Methodik wurde im Probenmaterial kein Hinweis auf
Täuschungsmanöver gefunden.
Hygiene ist zunächst einmal vor allem ein juristisches
Problem, in der EU zumindest. „Was die Hygiene anbetrifft, ist das EU-Recht
nunmehr gleiches Recht für alle“, lobte der Lebensmittelrechtler Prof. Dr. Jörg
Gundel, Universität Bayreuth. Er musste aber zugeben, dass das auch Nachteile
mit sich bringt. Für die Kleinbetriebe des Lebensmittelhandwerks sei die
Schraube doch wohl schon zu fest angezogen. Die systematischen Konzepte der
Selbstkontrolle, wie das HACCP-Konzept, seien auf dieser Ebene nur schwer
anwendbar. Sein Bayreuther Kollege Prof. Dr. Stefan Leible warf einen
kritischen Blick auf Haftungsfragen, wenn hygienisch etwas schief geht. Im
Grundsatz hat der Verbraucher sogar das Recht auf Schadenersatz schon dann,
wenn ein Produkt ekelerregend, aber noch nicht gesundheitsschädlich ist. Dabei
ist die Definition, was ekelerregend ist, durchaus an die geringe
Toleranzschwelle moderner Verbraucher angepasst. Andererseits sitzt der
Verbraucher trotzdem an einem recht kurzen Hebel, denn ihm obliegt die
Beweislast, wie weit ihm wirklich ein Schaden entstanden ist. Das kann
schwierig werden.
Hygiene ist vorrangig eine Frage von unerwünschten Keimen
auf Lebensmitteln. Von einem Verderbniserreger, der sich nur in der Kälte
wirklich wohlfühlt und deshalb in der Antarktis zu Hause ist, berichtete die
Tierärztin Eva Ziegler vom MRI. Kurioserweise erscheint dieser Keim auf
Rindfleisch, das im heißen Brasilien abgepackt wurde. Der Keim führt zum
Verderb ganzer Gebinde von Edelteilstücken. Wie er jedoch den Sprung über die
Klimazonen hinweg in subtropische Kühlhäuser geschafft hat, ist ein großes
Rätsel. Eine schon viel länger diskutierte Hygienefrage ist der Einsatz von
Nitritpökelsalz bei Fleischwaren. Speziell bei Ökoprodukten versucht man, auf
diesen Zusatzstoff zu verzichten. Die Referenten zum Thema waren sich aber
einig: Bei manchen Fleischwaren geht es zwar gut auch ohne Pökeln, bei anderen
jedoch wie den Brühwürsten und den Kochpökelwaren leistet diese hygienische
Sicherung gute Dienste. Es hängt also vom Produkt ab, ob Pökeln hygienisch
wichtig ist oder nicht. Einigkeit bestand aber auch, dass die Verbraucher das
Aroma besonders schätzen, das durch Pökeln entsteht. Schutz vor Fettoxidation
und damit Erhaltung des ursprünglichen Wurstgeschmacks scheint für dies Aroma
die entscheidende Ursache zu sein.
Im letzten Teil der Tagung ging es um Jod und dann auch um
Rückstände. Jod ist ein unentbehrliches Spurenelement, die Schilddrüse ist für
ihre Hormonproduktion auf das Element Jod angewiesen. Wo Jod fehlt, ist der
Kropf die Folge. In Deutschland ist Jodmangel überwiegend kein Problem mehr.
Die Ergänzung über Jodsalz ist weithin üblich und akzeptiert und die
Tierfütterung hat sich an einer ausreichenden Versorgung unserer Milch- und
Fleischlieferanten ausgerichtet. Namentlich über die Milchviehfütterung könnte
man die Versorgung leicht soweit treiben, dass mit zwei Glas Milch bereits eine
Überversorgung des Menschen zu erreichen wäre. „Und die Grenze zwischen zu viel
und zu wenig ist bei Jod erstaunlich eng“, erläuterte die
Agrarwissenschaftlerin Katrin Franke vom Friedrich-Loeffler-Institut in
Braunschweig. Die Tierernährer wissen jedoch, was sie tun, so dass es zu einem
gefährlichem Jodüberschuss in Deutschland nicht kommen wird. Über Fleisch
übrigens ist eine ausreichende Jodversorgung nicht möglich, weil die Muskulatur
Jod nur in mäßiger Menge aufnimmt. Wie die Milch sind da die Eier ein ganz
anderes Kaliber. „Es ist der Dotter, der das Spurenelement wie ein Schwamm
aufsaugt“, machte die Zoologin Anna Röttger, ebenfalls aus Braunschweig, klar.
Unter den Rückständen, die für den Menschen eine Last sind,
tun sich die organischen Rückstände besonders hervor, während, zumindest in
Deutschland, die Schwermetalle kein größeres Problem mehr sind. Bei den
organischen Verbindungen, die dem Erfindergeist der modernen Chemie zu danken
sind, gibt es Neuigkeiten: Flammschutzmittel sind jetzt im Gespräch. Sie
bestehen aus polybromierten Kohlenwasserstoffen und werden zur Imprägnierung
vieler Gegenstände des täglichen Lebens eingesetzt. Wenn diese Brom- Verbindungen
aber plötzlich in der Nahrungskette und dort vor allem in der Fettfraktion
erscheinen, dann ist Vorsicht angesagt, selbst wenn es sich um extrem niedrige
Konzentrationen der Substrate handelt. „Wir wissen aufgrund unserer jetzt
durchgeführten Untersuchung, wo die Verbindungen zu finden sind und in welcher
Größenordnung“, führte der Chemiker Dr. Manfred Gensler aus. Jetzt wird man
darangehen müssen, Vermeidungsstrategien zu entwickeln. Wesentlich mehr bekannt
ist über das Dioxin und seine Verwandten, die jüngst für Deutschland
repräsentativ untersucht wurden. „Wir sind auf Basis unserer bisherigen
Ergebnisse in der komfortablen Situation, Entwarnung geben zu können“, freute
sich der Rückstandsanalytiker Dr. Karl-Heinz Schwind. Dioxine und mit ihnen die
PCB’s seien speziell bei Fleisch und Fleischwaren, aber auch soweit jetzt
absehbar bei den Eiern um etwa das 10fache unterhalb der zulässigen
Höchstgehalte.
Der Leiter des ausrichtenden Instituts, Prof. Dr. Klaus
Troeger, schloss die Tagung mit der zufriedenen Anmerkung: „Wenn Fleisch auch
immer wieder Opfer größter Kontroversen ist, der Blick durch die Lupe der
Forschung ist doch eher beruhigend.“
Die Vorträge der Kulmbacher Woche werden im Mitteilungsblatt
der Förderergesellschaft für Fleischforschung in Kulmbach vollständig
dokumentiert.
Das Mitteilungsblatt wird von der Förderergesellschaft für
Fleischforschung in Kulmbach herausgegeben und kostenlos an die 740 Mitglieder
versandt. Die Fördergesellschaft setzt ansehnliche Mittel ein, die für die
Forschungsarbeit des MRI, Standort Kulmbach genutzt werden.
Mehr unter www.fgbaff.de
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